Eine Stunde für uns Berlinerinnen | Auftaktveranstaltung

Politik-Check: Gewaltschutz für Frauen und Mädchen – was in Berlin erreicht ist, was noch fehlt

Auftakt von „Eine Stunde für uns Berlinerinnen“ – Online-Gesprächsrunde des Clubs Berlin Charlottenburg von Soroptimist International am 3. September 2026

 

Durchschnittlich 16 Mal am Tag wird in Berlin eine Frau Opfer von Partnerschaftsgewalt – und das bildet Fachleuten zufolge nur einen Bruchteil der Realität ab: Schätzungen zufolge wird nur rund jede zwanzigste Tat überhaupt zur Anzeige gebracht. Mit diesen alarmierenden Zahlen im Hintergrund hat der Club Berlin Charlottenburg von Soroptimist International wenige Wochen vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 zu einer Online-Gesprächsrunde eingeladen: „Gewaltschutz für Frauen und Mädchen – was in Berlin erreicht ist, was noch fehlt“. 

Der Abend bildete zugleich den Auftakt der neuen Veranstaltungsreihe „Eine Stunde für uns Berlinerinnen“ des SI-Clubs Berlin Charlottenburg, wo künftig frauenpolitische Themen in Berlin diskutiert werden sollen. Konzipiert und organisiert wurde der Abend von der Politik-AG des Clubs: von Dr. Angela Borgwardt, die den Abend auch moderierte, im Team mit Gabriele Weber und Dr. Sabine Geis.

Wie steht es um die Umsetzung der Istanbul-Konvention in Berlin?

Rund 70 Interessierte verfolgten die Diskussion per Zoom. Zur Einführung gab die Präsidentin des Clubs Berlin Charlottenburg, Sue Gräfin Schwerin von Krosigk, einen Überblick über das Engagement der Soroptimistinnen und verdeutlichte die große Bedeutung zivilgesellschaftlicher Aktivitäten.

Im Zentrum des Abends stand die Frage, wie es um die Umsetzung der Istanbul-Konvention in Berlin steht. Mit ihrer Ratifizierung im Jahr 2018 hat sich Deutschland völkerrechtlich verpflichtet, Gewalt gegen Frauen und Mädchen wirksam zu bekämpfen – durch ein Zusammenspiel aus Prävention, Schutz, Strafverfolgung und koordinierter Politik. Berlins Antwort darauf ist der Landesaktionsplan mit 134 Maßnahmen, ergänzt um das Berliner Gewalthilfegesetz, das im Juli 2026 von der CDU-/SPD-Koalition in Berlin verabschiedet wurde.   

Perspektiven aus Fachpraxis und Politik 

Wie nah Berlin diesem Anspruch tatsächlich kommt, beleuchteten drei Rednerinnen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. 

Den Auftakt machte Dr. Doris Felbinger, Geschäftsführerin der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG e.V.), mit einem eindringlichen Plädoyer aus der Praxis: „Gewaltschutz für Frauen und Mädchen ist mehr als nur Schutzplätze“, stellte sie klar – und appellierte: „Wir alle müssen hinsehen, zuhören, Glauben schenken, unterstützen.“ Ebenso deutlich benannte sie eine Grundvoraussetzung dafür, dass Hilfe überhaupt ankommt: „Genug Geld für unsere funktionierenden Einrichtungen ist entscheidend.“

Es folgten zwei Politikerinnen, die beide selbst als Kandidatinnen zur Abgeordnetenhauswahl antreten. 

Aldona Niemczyk (CDU), seit 2023 Mitglied des Abgeordnetenhauses und frauenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion, zog Bilanz aus Sicht der Regierungskoalition: „Die Istanbul-Konvention ist wichtig. Ich bin jedoch eher eine praktische Politikerin: Die Kooperation mit unserer Senatorin ist gut.“ Als konkreten Fortschritt nannte sie die Eröffnung eines zehnten Berliner Frauenhauses: „Das ist schon enorm!“

Pilar Caballero Alvarez, Bezirksvorsitzende der Linken in Reinickendorf und Mitgründerin der Landesarbeitsgemeinschaft Feminismus Berlin, brachte eine kritischere Perspektive ein: „Wir brauchen feministischen Schwung“, forderte sie und beschrieb ihre Vision so: „Ich möchte Berlin als sorgende Stadt.“ Statt allein auf mehr Schutzplätze zu schauen, plädierte sie dafür, tiefer zu fragen: „Wir müssen dem nachgehen, warum eine betroffene Person keinen Schutz sucht.“

Gewaltschutz für Frauen und Mädchen – eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

In der anschließenden Diskussion wurde schnell klar: Trotz unterschiedlicher politischer Blickwinkel waren sich alle drei Rednerinnen einig, dass Gewaltschutz für Frauen und Mädchen kein Rand- oder Nischenthema ist, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – mit menschenrechtlichen, gleichstellungspolitischen und vielfältigen sozialen Dimensionen, die weit über Einzelschicksale hinausreichen.

Genau das ist der Punkt, an dem jede und jeder von uns gefragt ist. Gewaltschutz für Frauen und Mädchen ist keine Angelegenheit, die man allein der Politik und der Fachpraxis überlassen kann – er geht uns alle an – wir brauchen eine Gesellschaft, die bereit ist, Haltung zu zeigen und sich einzumischen. 

Zivilgesellschaftliches Engagement, wie es die Soroptimistinnen etwa mit den „Orange Days“ rund um den 25. November, den Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, zeigen, ist dabei unverzichtbar. Nur wenn Staat und Zivilgesellschaft gemeinsam handeln, lassen sich echte Fortschritte erzielen – und dazu kann, im Kleinen wie im Großen, jede und jeder von uns beitragen.

Text: Angela Borgwardt

Foto: privat




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